Der Krieg, der nie aufhörte..

 

Während Kosova im Februar den 9. Jahrestag der Unabhängigkeit feierte, leben rund 80.000 Albaner an den Grenzen Ostkosovas in kriegsähnlichen Zuständen. In den Gemeinden Presheva, Bujanoc und Medvegja (Lugina Presheves) hörte der Krieg nie wirklich auf. Zwar schweigen die Waffen, doch der Krieg der Vertreibung, Benachteiligung und Unterdrückung existiert und es ist schlimmer denn je. Immer mehr junge Menschen verlassen die Region und ziehen nach Kosova oder suchen ihr Glück im Ausland. Von Tag zu Tag werden es immer weniger Albaner und von Tag zu Tag kommt Serbien seinem Ziel näher:

Die stille Vertreibung der Albaner aus dem Presheva-Tal!

In dieser Kleinregion an der Grenze zu Kosova und Mazedonien kam es im Jahre 2000 zu einem bewaffneten Konflikt zwischen der einheimischen Bevölkerung und der serbischen Armee. Die vertriebenen serbischen Polizisten und Soldaten konzentrierten sich nach dem Ende des Kosovakrieges auf die Regionen im Presheva-Tal und lösten bei der Bevölkerung Unsicherheiten und Ängste aus. Vor diesem Hintergrund bildete sich die UÇPMB (Ushtria Çlirimtare Presheve Medvegje Bunjanoc = auf deutsch: Befreiungsarmee Presheve Medvegje Bujanoc), die für die Rechte und Freiheit der Albaner kämpften. Um dem Blutvergießen ein Ende zusetzten, wurde unter internationaler Aufsicht das „Konçul-Abkommen“ geschlossen. In diesem Abkommen werden die Rechte der Albaner garantiert. Doch fast 15 Jahre nach dem Krieg werden die Rechte der Albaner mit den Füßen getreten.

Einige Probleme sind hier aufgelistet:

1. Militarisierung der Region Presheva-Tal
Nach wie vor ist keine Entmilitarisierung der Region in Sicht – im Gegenteil. Es gibt eine starke Konzentration des Militärs, sowie die neue Militärbasis „Ceoptin-JUG“, die nur fünf Kilometer von Bujanoc entfernt ist. Die Anwesenheit der Gendarmerie, der Armee und anderer Spezialeinheiten auf den Strassen wird von der albanischen Bevölkerung Südserbiens als bedrohlich empfunden. Es gibt Tage an dem Panzerfahrzeuge mitten durch die Stadt fahren. Das Ziel: Die Einschüchterung der Zivilbevölkerung.

 
2. Bedeutungsverlust der multiethnischen Polizei
Laut dem Konçul-Abkommen muss es in dieser Region eine multiethnische Polizei geben, doch zunehmend übernimmt die Gendarmerie Aufgaben der multiethnischen Polizei. Die Bildung der multiethnischen Polizei ist ein Projekt der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die die Ausbildung und Organisation nach dem Konçul-Abkommen übernommen hatte. Obwohl die Bildung einer multiethnischen Polizei als eines der erfolgreichsten Projekte im Presheva-Tal galt, wurde ihre Rolle mit der Zeit geschwächt. Bis heute ist ihr Mandat zur Ausführung ihrer Aufgaben nur auf bestimmte Gebiete beschränk.

 
3. Wirtschafliche Situation
Abgesehen von den Infrastrukturinvestitionen profitierte das Presheva-Tal auch in anderen wichtigen wirtschaftlichen Bereichen wenig. Nicht nur bezüglich der Investitionen der Regierung fühlen sich die Albaner diskriminiert, sondern auch bezüglich des Privatisierungsprozesses und der Projektvergaben. Auch die Privatisierung der öffentlichen Unternehmen ist im Presheva-Tal aus Sicht der albanischen Politiker nicht korrekt abgelaufen. Die profitabelsten Firmen, wie HEBA (Mineralwasserfabrik) in Bujanoc beschäftigen mehr Serben als Albaner. Genau so beschäftigen das Rehabilitationszentrum „Bujanovacka Banja“ in Bujanoc und „Sijarinska Banja“ in Medvedja nur je einen Albaner. Die Arbeitslosigkeit in Presheva beträgt ca. 70 Prozent und in Bujanoc sind es etwa 60 Prozent.

 
4. Bildung
Junge Menschen, die erfolgreich ihre Schule abschließen konnten, studieren dann oft in der Hauptstadt Kosovas, Prishtina. Das große Problem ist aber, dass Serbien die erreichten Diplome mit dem Stempel der Republik Kosovas nicht anerkennt. So sind die Lugina-Albaner gezwungen mit ihrem Diplom in Kosova zu bleiben oder sich der Arbeitslosigkeit herzugeben. In den Grundschulen sind die Fächer Geschichte und Albanisch nur ungern gesehen. Über die Lehrbücher in albanischer Sprache gab es schon etliche Auseinandersetzungen mit der Regierung und in der Vergangenheit gab es mehrmals Meldungen, dass man albanischen Schülern die Bücher wegnahm. So schaffte es Serbien erneut, ohne jegliche Waffengewalt, dem Ziel, der Vertreibung der Albaner im Presheva-Tal, näher zu kommen.

 
5. Gesundheitswesen
Eine grundlegende medizinische Versorgung im Presheva-Tal ist gegeben. Jedoch ist leider das nächste größere Krankenhaus in der serbischen Stadt Vranje. Vranje liegt etwa 60 km von Presheva entfernt. Schwangere Frauen, die ihre Kinder auf die Welt bringen, müssen also in ein 60 km weites serbisches Krankenhaus. Aus Geldmangel und der nicht kooperierenden Regierung Serbiens, kommen die Arbeiten für ein eigenes Krankenhaus nur schleppend voran. Da es schon in der Vergangenheit zu mysteriösen „Unfällen“ und „Tragödien“, wie zum Beispiel: plötzlichen Kindstod und „versehentlichen“ Tausch der Babys kam, trauen sich viele albanische Frauen nicht mehr ins Krankenhaus.

 
Den Politikern im Presheva-Tal sind die Hände gebunden. Sie sind sich teilweise oft untereinander nicht einig und bekommen wenig bis gar keine Hilfe von der Regierung in Kosova und Albanien. So ist die Zukunft der Albaner im Presheva-Tal ungewiss. Doch eins kann man mit Sicherheit sagen, geht diese Diskriminierung weiter, so droht den Menschen dort das gleiche Schicksal, wie den Albanern aus der Region Nish (Niş).

 

 

Die starken Frauen aus dem Kosovo …

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Während des Kosovakrieges gab es bestimmte Orte, die sehr schwer gelitten haben. Krusha ist ein Beispiel. Heilende Kriegswunden gibt es nicht – vor allem die der Frauen nicht, die diesen Krieg erlebt haben. Ihre Wunden werden nie heilen, denn der Krieg wird sie wahrscheinlich das ganze Leben lang verfolgen.

Im März 1999 wurden alle Frauen mit ihren Kindern aus Krusha e Vogel vertrieben und die Männer wurden von serbischen Milizen massakriert. Als die Frauen zurück ins Dorf kehrten, fanden sie das Dorf niedergebrannt wieder und ihre Männer tot. All diese Frauen mussten bei 0 beginnen. Sie mussten auf dem Feld arbeiten, die Familie ganz alleine ernähren und sich ein komplett neues Leben aufbauen.

Heute sind es unter anderem die Erbschafts- und Eigentumsgesetze, unter denen die Frauen zu kämpfen und zu leiden haben.

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Interessanter Artikel:

http://portalb.mk/201807-te-jesh-grua-dhe-e-mbijetuar-e-luftes-ne-kosove/

EU- Beitrittsvoraussetzung: „Unterdrückt und diskriminiert eure Minderheiten!“

Die EU:

Für viele Staaten DAS ZIEL überhaupt, vor allem für die Balkanstaaten, die es darauf abgesehen haben Teil dieser Union zu werden. Die Staaten hoffen dadurch, dass sie an politischer und wirtschaftlicher Stabilität, Entwicklung und Sicherheit profitieren. Aber was sind das eigentlich für Staaten, die über den EU-Beitritt verhandeln dürfen und sogar schon EU-Mitglieder sind?

Wir tendieren meistens dazu zu denken, dass es sich bei den EU-Mitgliedern und EU-Beitrittskandidaten um starke, stabile und vor allem um gerechte und soziale Staaten handelt. Dabei gibt es Staaten bei denen diese Voraussetzungen überhaupt nicht zutreffen. Die gravierenden Schattenseiten dieser Staaten werden von der Europäischen Union ignoriert, wie zum Beispiel die der Staaten Griechenland, Mazedonien und Serbien.

All diese drei Staaten diskriminieren, unterdrücken und terrorisieren die albanische Minderheit systematisch. Während die albanische Minderheit versucht sich anzupassen, legen diese Staaten ihnen Steine auf dem Weg.

Ist das nun die neue EU-Voraussetzung?
Die Unterdrückung und Diskriminierung der Minderheiten?

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Mutterland der Demokratie und Gerechtigkeit:

Griechenland!

In Griechenland leben rund 1.000.000 Albaner, die während der Kommunistenzeit in Albanien die Flucht nach Griechenland ergriffen haben. Als Albaner hat man es in Griechenland ganz und gar nicht leicht. Während sich die albanische Minderheit seit Jahren versucht anzupassen, belohnt Griechenland sie mit einer massiven Einschränkung. Zu sehr herrscht ein antialbanisches Klima und wird mit dem Bild des albanischen Flüchtlings das des ungebildeten und vermeintlich gefährlichen Einwanderers assoziiert.

Der griechische Staat fördert die albanische Minderheit nicht, sondern lässt sie für Dumpinglöhne arbeiten, obwohl die Albaner ihren geforderten Beitrag an den griechischen Staat leisten. Zu tief wird in die Persönlichkeit und in das Erscheinungsbild der Albaner eingegriffen, sodass viele nicht den Mut besitzen sich öffentlich als Albaner zu outen.

Elbasan M. , den ich vor einigen Jahren bei einem Treffen kennenlernen durfte, erzählte mir, dass viel mehr erwartet wird als nur Integration. Er könne nicht öffentlich mit jemanden albanisch sprechen oder gar zugeben, dass er ein Albaner ist. Die Nationailtäts- und Religionszugehörigkeit werden unterdrückt – Die Menschen haben keine andere Wahl als sich dem so hinzugeben. Das Wehren führt meistens dazu, dass die Albaner noch härter bestraft werden und es im Nachhinein aussichtslos für sie ist. Die Folge daraus ist die, dass die Albaner ihre eigentliche Identität ablegen und sich zu Griechen bekennen.

Griechenland ist schon seit 1981 Mitglied der EU und keiner geht auf dieses ernst zunehmendes Problem ein. Nein! Es werden sogar weiterhin Millionen Gelder in den griechischen Staat gepumpt und weiterhin toleriert, dass dort Menschen bewusst unterdrückt und diskriminiert werden!

Mazedoniens unbeweislichen Strafmaßnahmen

Die meisten Albaner leben in der Hauptstadt von Mazedonien, Skopje. Laut vielen Analysten leben dort rund 40% Albaner und gilt somit als eine eher große albanische Minderheit.

In der Vergangenheit fiel schon mehrmals auf, dass die mazedonischen Bürger die albanischen Mitbürger regelrecht terrorisierten, indem sie die Albaner öffentlich angriffen und sie verletzten. Dies sind schon seit Langem keine Einzelfälle mehr, sondern Wiederholungsdelikte. Vor einiger Zeit ist eine albanische Familie auf ihrem eigenen Grundstück von Mazedoniern grundlos angegriffen worden. Die ältere Hausdame wurde schwer verletzt und auch weitere Familienmitglieder, darunter Kinder, kamen nicht unverletzt davon. Das Skurrile an dieser Sache ist, dass der mazedonische Staat nicht gegen die Täter vorgegangen ist.

Ein weiteres Beispiel ist auch der Fall „MONSTRA“.
Im Jahr 2012 wurden fünf Mazedonier in Skopje ermordet. Man untersuchte diesen Fall jahrelang bis sechs Albaner daraufhin im Jahr 2014 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Die Problematik dahinter ist die, dass es an Beweisen gegen die sechs angeklagten Albanern mangelt. Tausende Albaner, egal woher sie kamen, gingen auf die Straßen und protestierten gegen diese Ungerechtigkeit. Passiert ist jedoch nichts!

Mazedonien ist seit 2005 ein offizieller EU-Beitrittskandidat. Die jahrelange Ungerechtigkeit und Terrorisierung gegenüber der albanischen Minderheit scheint für die EU ein eher irrelevantes Problem zu sein.

Keine Bildung, keine Perspektive, keine Zukunft:

Et voilá Serbien!

Den rund 80.000 Albanern, die in Serbien leben, ergeht es nicht anders. Neben der Diskriminierung und Unterdrückung werden die Menschen terrorisiert und massiv unter Druck gesetzt.

Die Menschenrechte gegenüber der albanischen Minderheit in Serbien werden in jeder Hinsicht verletzt. Wie zum Beispiel das Recht auf Bildung.
In der Vergangenheit wurden mehrmals Bücher in den Schulen, in denen albanische SchülerInnen unterrichtet werden, weggenommen. Hinzukommt, dass die Studiumdiplome der Studenten, die in Kosova studiert haben und nach Serbien zurückkehren, mit dem „kosovarischen“ Stempel nicht anerkannt werden. Die Absolventen verfallen, aufgrund der Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, in ein tiefes depressives Loch. Viele sehen keine Zukunft mehr und wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Über 110.000 Bücher schickte das Schulministerium von Kosova in das mehrheitlich von Albanern bewohntes Presheva Tal. Es schafften nur 63 Bücher bis nach Presheva. Der Rest der Bücher kommen nicht durch das serbische Grenzterminal. Serbien lässt bewusst die Bücher nicht in die albanischen Schulen einführen, weil diese nicht ihrer Propaganda entsprechen.

Serbische Soldaten laufen mehrmals durch die Straßen in den Gegenden, in denen Albaner wohnen, um die Menschen dort einzuschüchtern. Ein weiteres Phänomen ist auch die Jobverteilung. Es wird grundsätzlich, gleichgültig wie gut die Fähigkeiten der Bewerber sind, ein Serbe eingestellt als ein Albaner.

Der serbische Staat betreibt seit Jahren eine konsequente systematische Vertreibungspolitik gegen die albanische Minderheit. Trotzdessen wurde im Jahr 2012 Serbien als EU-Beitrittskandidat aufgenommen.

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Die Europäische Union weiß ganz genau, wen sie sich ins Haus holt und mit wem sie verhandelt. Ein schockierendes Ergebnis, das uns ein wenig spekulieren lässt. Ist die Europäische Union wirklich gegen Diskriminierung, Rassismus und Unterdrückung, wie man uns das vorkaut oder spielt man es uns einfach nur vor?
Eins sollte uns aber allen klar sein:

Ein Armutszeugnis ist dies für die Europäische Union allemal!

Wann findet Leid ein Ende?

Serbisch-ungarische Grenze. Röszke, Ungarn. 2016.

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… irgendwann kam ich an der serbisch-ungarischen Grenze in Röszke an. Ich sehe eine lange Schlange von Autos vor der Grenze warten. Verschärfte Kontrollen finden statt. Autotüren und Kofferräume werden kontrolliert, sowie sämtliche Taschen und Tüten. Ich schaue nach rechts und bemerke erst jetzt die sehr hohen Grenzzäune mit Stacheldrähten. Ich wende meinen Blick nach links. Dasselbe. Jedoch sehe ich dort auch Zelte. Zelte, die teilweise aus blauen Mülltüten gebaut wurden. Ich sehe, wie Kleidung an dem meterhohen langen Grenzzaun hängen. Und dann kommt ein kleines Mädchen aus einem der Zelte heraus. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Schockstarre. Hier leben Menschen, die nach Sicherheit suchen. Polizisten mit Kalaschnikows in der Hand passen auf, dass keiner die Absperrung verlässt und illegal oder legal (was ist das schon?) durch die Grenze kommt. Realität mitten in Europa.

Als meine Schwester und ich aus dem Auto steigen und mit Süßigkeiten in der Hand in die Richtung des Mädchens gehen, guckt sie erschrocken und verschwindet direkt wieder in das Zelt. Wir stehen hinter dem Gitter und gucken einfach starr dahin. Auf einmal kommt aus dem Zelt ein Mann und wir sprechen mit ihm. Stellen ihm Fragen und geben ihm die Süßigkeiten für das kleine Mädchen. Er erzählt uns im gebrochenem Englisch, dass viele hier Angst haben, obwohl sie „Zuflucht“ gefunden haben. Erzählt uns bisschen von der Flucht und von seinem Traum einfach in Frieden zu leben. Ein Leben ohne Angst, ein Leben ohne Terror und Leid.

Dies ist das Resultat des Egoismus der Europäischen Union und Europa. Das Resultat der Nichteinhaltung der Menschenrechte und -würde. Das Resultat der jahrelangen Ausbeutung der Menschen, weil die wirtschaftlichen Interessen wichtiger sind.

Seit dem Jahr 2000 sind laut The Migrant Files (http://www.themigrantsfiles.com/) über 30.000 Menschen gestorben, die versucht haben nach Europa zu fliehen. Das Jahr 2011 war eines der dunklesten Jahre (http://www.unhcr.org/4f27e01f9.html). Kinder, Babies, Schwangere, Frauen, Männer  … und es geht weiter.

E-Mail an meine Freundin …

ok


Liebe G.,

vielleicht hast Du ja morgen Strom und eine Telefonverbindung, wenigstens für eine halbe Stunde, damit Du Dich ins Internet einwählen kannst, um Dir Deine E-Mails anzuschauen. Seit drei Tagen habe ich nichts mehr von Dir gehört. Dies ist das letzte Mal, dass ich Dir schreibe. Ich habe alle Hoffnungen aufgegeben, dass Du noch lebst, dass Du noch irgendwo bist. Meine Angst ist, dass Dein Telefon überwacht wurde. Dann haben sie herausgefunden, dass Du die Verfasserin all dieser Beiträge bist.
„Im Westen nichts Neues, oder doch?“, fragst Du jedesmal, wenn Du mir schreibst oder mich anrufst. Und ich berichte dann, was sie alles für uns tun. Weder in der „Times“ noch der „New York Times“ erscheinen noch Deine mit „Anonym“ gezeichneten Briefe. Vielleicht haben sie Dich ja schon abgeholt, irgendwo hingebracht. Doch Du sagst ja immer: „Was sein muss, muss sein!“
Und dann lachst Du. Ich kann die Tränen in Deiner Stimme hören, obwohl Du mir gegenüber nie zugeben würdest, dass du weinst. Du wolltest nicht zugeben, dass sie Dich vergewaltigen oder sogar umbringen, wenn Du ihnen in die Hände fällst.

Wahrscheinlich schreibe ich Dir, weil ich den Schrecken loswerden muss, der mich in dieser bedrückenden Nacht gefangen hält. In dieser Nacht der Ohnmacht, in der ich – gar nichts tun kann, um Dir, den Freunden, irgend jemanden zu helfen.
Heute habe ich versucht, einem Freund klar zu machen, was die Serben in Prishtina und in den Dörfern mit den Menschen treiben. Ich habe ihm erzählt, dass ehemalige Nachbarn nachts maskiert an die Türen Eurer Wohnungen hämmern. Sie verlangen Geld, sie nehmen die Männer mit, und den Frauen sagten sie, sie sollen zu Clinton gehen.
Ich habe ihm davon berichtet, wie sie in die Dörfern in Häuser eindringen und die Leute umbringen, einfach so. Ich habe ihm erzählt, wie alte Menschen und Mütter mit Säuglingen an der Brust im Regen in der Unendlichkeit der Nacht über lehmige Äcker und Wiesen hetzen, um den Messern und Kugeln ihrer serbischen Nachbarn zu entgehen, die nun bei Arkans „Tigern“ oder Sešeljs Tschetniks sind. Ich habe vom bösen Hauch der „Kristallnacht“ gesprochen, der Nacht für Nacht durch Prishtina weht.
Seit die Luftanschläge begonnen haben, ist hier die Zahl der Zuschauer vor den Fernsehapparaten in die Höhe geschossen. Ich glaube nicht, dass Du von den ganzen Spektakel etwas mitbekommst. Überall auf dem Globus jagen die Fernsehstationen Bilder vom „Exodus biblischen Ausmaßes“ der Deportierten durch den Äther. Die Vertriebenen schildern den Reporterstars von CNN und BBC die Massaker, denen sie eben entronnen sind. Heute wurde ein Amateurvideo aus Krusha e Madhe bei Rahovec gezeigt. Es ist fast nichts mehr Besonderes: kalte Bilder von etwa 30 Leiche in Höfen und Gärten, albanische Zivilisten, die von den Serben abgeschlachtet wurden. BBC erklärte, wegen der außergewöhnlichen Grausamkeit der Bilder nicht alles zeigen zu können. Das deutsche Fernseh verhielt sich distanziert zu diesen entsetzlichen Szenen und zeigte sie überhaupt nicht. Dafür brachte man Bilder von Demonstrationen deutscher Kommunisten und serbischen Emigranten, die auf Deutschlands Straßen Fotos von Milosevic in die Höhe hielten. Es gibt kein Halten für ihren Wahn in Deutschland, auf der Welt und in Belgrad. Sie stehen fester hinter Slobodan als je zuvor.

Damit sind wir bei Deutschland. Es hat sich bereits erklärt, Flüchtlinge aus Makedonien und Albanien aufzunehmen. Beide Länder sind voller Flüchtlinge. In zehn Tagen wird ganz Kosova entvölkert sein. Es ist genau so, wie Du gesagt hast: Kosova liegt im Sterben, wird entvölkert, von Belgrad geschluckt. Ich weiß nicht, warum Du so an diesem Land hängst. Du musst von dort weg. Bitte, flieh doch auch Du. Auf dieser Erde, unter diesem Himmel will man und nicht mehr. Wir haben es lange genug ertragen. Lass uns unser Schicksal anderswo versuchen, wo es Frieden gibt, wo es Freiheit gibt, wo es Leben gibt und nicht nur schrecklichen gewaltsamen Tod.

Ich weiß nicht, ob sich die Freunde aus Belgrad noch bei Dir melden. Ich selbst kann mit den serbischen Kollegen hier nicht diskutieren. Ich will nicht mit ihnen vor die Fernsehkameras oder Radiomikrofone treten. Sie haben sich völlig verändert: Unentwegt reden sie nur von der Souveränität und der territorialen Integrität Jugoslawiens, und in das Ganze mischen sie noch eine Dosis von Empörung über die „humanitäre Katastrophe in Belgrad“ hinein. Es sind nicht mehr die Freunde, die wir einmal kannten. Gestern haben sie noch zu uns gesagt: „Wir brauchen Kosova nicht, es gehört denen, die dort leben.“ Die deutschen Journalisten verstehen nicht, sind entsetzt, dass ich nicht mit den serbischen Kollegen sprechen bzw. diskutieren möchte. Sie meinen Diskussion sei nötig. Sicher, Diskussionen wären nötig. Aber wie soll man diskutieren, wenn sich unter all diesen serbischen Journalisten kein einziger auch nur zu ein paar Sätzen des Bedauerns über das durchringen kann, was sich in Kosova abspielt. „Vielleicht haben sie Angst um ihre Familien in Belgrad“, sagte ein deutscher Kollege zu mir. „Vielleicht.“, antwortete ich, „aber in Belgrad finden täglich Konzerte statt, und man tut so, als wisse man nicht, was in Kosova geschieht.“ Leider war das auch im Westen zehn Jahre lang nicht anders. Szenen geschehen, die in ihrer Grausamkeit Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkriegs wecken. Am stärksten habe ich dieses Empfinden, wenn ich auf dem Bildschirm sehe, wie viele tausende Menschen in Eisenbahnzügen abtransportiert werden. Aber trotzdem, es wäre besser, ich wüsste auch Dich in einem dieser Züge. Es ist immer noch weniger schlimm, deportiert zu werden, als in Kosova umgebracht. Warum noch für Kosova sterben? Sind nicht schon genug Menschen ums Leben gekommen?

Wir sollten niemanden die Schuld geben. Du weißt, was die einfachen Leute zu sagen pflegen: „So war uns nun mal bestimmt.“ Alle sind so wortlos, hilflos.
„Wer konnte erwarten, dass Milosevic zu einer solchen Brutalität fähig sein würde?“, heißt es nun im Westen. Obwohl ich noch so viel zu sagen hätte, höre ich nun auf zu schreiben. Ich fange an, mich mit der Ohnmacht der Worte abzufinden.

Wenn ich nichts mehr von Dir höre, ist dies das letzte Mal gewesen, dass ich Dir schreibe. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass ich überhaupt etwas schreibe. Hast Du nicht selber gesagt:
„Alles hat seinen Sinn verloren, nichts ist mehr, wie es wahr.“?

Ich umarme Dich, und sei es nach dem Tod.
(Beqë Cufaj)